„Mir scheint in diesem Archiv lebt eine Art von Vampir, der die physischen Kräfte der Besucher saugt. Denn so erquickt der Geist auch sein mag, wenn ich mich in die Zeit und die Gedankenwelt des 18. Jahrhunderts versenke: körperlich fühle ich mich immer müde und ausgezehrt.“

Diesen Satz habe ich am 8. März 1988, im Stadtarchiv Soest/Westf. sitzend, notiert. Für diese Besprechung bin ich in mein Archiv hinabgestiegen und habe verstaubte Schachteln geöffnet um diesen Satz in den Exzerptheften, die ich vor fast einem viertel Jahrhundert schrieb, zu finden. Und wieder hat sich das in diesem Satz beschriebene bestätigt: in den entlegenen Winkeln meiner Bibliothek muss auch ein kraftsaugendes Wesen seine Heimstadt haben und auf Besucher warten.

Eric W. Steinhauer gibt mir in seiner „kulturwissenschaftlichen Lektüre des Vampirs“ die Erklärung und Bestätigung:

Als ich in den späten 80er Jahren viel Zeit in Archiven und Bibliotheken auf den Spuren der deutschen Grammatikschreibung verbracht habe (Warum? hier), habe ich längst Verstorbene wieder aufgeweckt. Steinhauer schließt in seinem letzen Kapitel nach einer kenntnis- und materialreichen Reise durch die Kulturgeschichte der Vampyrologie, dass sie in Büchern und Bibliotheken hausen, die Vampire. Verfolgt durch die frühe Wissenschaft und die Literatur, erlegt durch Aufklärung und Postmoderne, haben sie in den Archiven und Bibliotheken ihre letzte Zuflucht gefunden. Nun, nach der Lektüre diese lesenswerten Bändchen, steht es mir – fast 25 Jahre nach meiner Notiz in meinen Archivexzerpten – klar vor Augen.

Eric W. Steinhauer folgt dem Mythos der Vampire durch die Kultur-, Literatur- und Wissenschaftsgeschichte. In vielen Fußnoten und geistreichen Anmerkungen entführt der Autor in die Verästelungen der gelehrten Beschäftigung mit dem Phänomen der Vampire und Nachsauger – weit über die allseits bekannte Geschichte vom Grafen Drakula, die von Bram Stoker für seine Zeit so nachhaltig erzählt wurde: Vom Volksglauben über den Streit der Leipziger Gelehrten des 18. Jahrhunderts bis zur Verknüpfung der Vampire mit Bibliotheken, über insgesamt sieben Kapitel (Begriff und Phänomen, amtliche Berichte, wissenschaftliche Debatte, literarische Figuren, Bibliotheken und schließlich „Bibliotheka Vampyrus“), 101 Seiten, 123 Fußnoten und ein ausführliches Literaturverzeichnis erstreckt sich die Abhandlung.

Es ist dem Verlegerehepaar des Eisenhut Verlags in Hagen zu danken, dass dieser Vortrag am Institut für Bibliotheks- und Informationswissenschaften der Humboldt-Universität Berlin und für einen kleinen Obolus von 12,90 EUR der breiten Öffentlichkeit zu Verfügung steht. Bravo! Mein erster Gedanke nach der Lektüre war: „Gut, dass es noch solche Verleger gibt.“ Oder gibt es sie nun endlich wieder: Verleger, deren erster Gedanke nicht der hohen Auflage und des „return of invest“ gilt. Danken wir es den Wimbauers, mit dem Erwerb eines Exemplars, denn in einer wohlsortierten Bibliothek sollte ohnehin ein Exemplar stehen. Schon um uns uns regelmäßig die von Steinhauer zitierte Warnung Tissots vor Augen zu führen:
„Bücher hingegen, die durch die Stärke und den Zusammenhang der Ideen, die Seele ausser sich selbst erheben, und sie zum nachdenken zwingen, erschöpfen den Geist, und entkräften den Leib.“
Dies gemahnt uns moderne Menschen, uns hin und wieder sich vom Buche zu erheben und aus der Bücherhöhle in den Wald zu hüpfen.

Eric W. Steinhauer: „Vampyrologie für Bibliothekare. Eine Kulturwissenschaftliche Lektüre des Vampirs“ 101 Seiten, zahlreiche Abb., teils farbig. Literatur-, Abk.- und Abb.-Verzeichnis. Hagen: Eisenhut Verlag 2011. 12,90 EUR ISBN 978-3-942090-06-3