Seit diesem Jahr habe ich eine kleine Literaturkolumne in unserer lokalen Wochenzeitung. Jeweils in der letzten Ausgabe des Monats der Werdener Nachrichten  erscheint eine Besprechung eines oder mehrerer Titel zu einem Thema. Für diejenigen die diese Zeitung nicht beziehen aber trotzdem wissen wollen, was ich da so bespreche, gibt es die Artikel mit etwas zeitlichem Versatz nun auch hier.

MNIENun ist es ja eigentlich ein sehr alter Brauch, durch die Namensgebung auch bestimmte Eigenschaften auf die ihn bezeichnende Person zu übertragen. Nicht immer ist die Motivation der Namensbildung erkennbar und heute noch bekannt. So wissen wir nicht mehr, dass der Name Ludger „Leutespeer“ (liut – Volk/Menschen/Leute, ger – Speer, „Verteidiger des Volkes“) bedeutet; oder Gregor, der Name von 16 Päpsten (getauft oder angenommen) „der Wachsame“, oder „wachsam Gott erwartende“ bedeutet. Durchsichtiger dagegen sind Namen wie Gottlob („der Gott lobt“) oder Gotthilf („dem Gott hilft“). Hier wird es sicher auch sekundäre, neuzeitliche Zuschreibungen geben. Namenslexika und entsprechende Internetseiten geben Hinweise auf Herkunft, Bedeutung und die Zuschreibungen von Eigenschaften dieser Namen.

[dropcap]S[/dropcap]pätestens seit eine Lehrerin im Rahmen einer Studie einer Oldenburger Studentin gesagt haben soll, dass Kevin kein Name sondern eine Diagnose sei (berichtet von fast allen großen deutschen online- und offline-Medien), ist die Frage, welche Zuschreibungen eine Person aufgrund ihres Namens bekommt, Gesprächsstoff. Wissenschaftler, Journalisten oder Witzbolde, wer genau zuerst ist nicht rekonstruierbar, haben sogar Namen für das Phänomen gefunden, dass die Namensvergabe eine negative soziale Stigmatisierung zur Folge haben kann. So wird mit „Kevinismus“ (im Falle eines weiblichen Kindes mit „Chantalismus“) bezeichnet, wenn Kindern ungewöhnliche oder exotische Vornamen gegeben werden. Dieses Phänomen wird einigen Studien zufolge bildungs- und einkommensschwächeren Bevölkerungsschichten zugeordnet. Daraus wird in diesen Studien geschlossen, dass Trägern solcher Namen besondere (meist negative) Eigenschaften zugeordnet werden. Die Aussagekraft solcher Studien wird, obwohl gern zitiert, immer wieder auch in Zweifel gezogen.
Spätestens jedoch seit der glänzenden Zusammenstellung entsprechender Fakten von Steven D. Levitt und Stephen J. Dubner (Freakonomics, 2005) sollte eigentlich klar sein, dass nicht die Namen schuld an Eigenschaften, Vermögen oder Bildungstand von Kindern sind, sondern das Umfeld in dem ein Kind aufwächst. Der Name sei allenfalls Hinweis auf das Umfeld.

[dropcap]E[/dropcap]ugen Litwinow stellt sich in seinem Buch „Mein Name ist Eugen“ eine ganz andere Frage: Was passiert eigentlich, wenn sich der Vorname einer Person plötzlich ändert, wenn er ohne eigenes Zutun und Wille geändert wird? Dies geschieht nämlich regelmäßig bei Menschen, die aus den Staaten der ehemaligen Sowjetunion als „Russlanddeutsche“ oder „Spätaussiedler“ nach Deutschland kommen. Sie sind Deutsche und wollen für ihre Kinder als erstes Zeichen der Akkulturation, dass sie deutsche Namen tragen. Das Bundesvertriebenengesetz sieht nämlich vor, dass ein slawischer Name ersetzt oder eingedeutscht werden darf. So ist es Eugen Litwinow ergangen, der eigentlich Evgenij Alexandrowitsch Litwinow heißt. „Ist Eugen ein anderer Mensch, als es Evgenij gewesen wäre?“ Was passiert, wenn aus dem mit Kosenamen „Schenja“ genannten plötzlich ein „Eugen“ wird? Eugen Litwinow, eigentlich Photograph, hat insgesamt 13 junge Träger des Namens Eugen/Evgenij, die mit ihren Eltern aus Russland und Kasachstan nach Deutschland gekommen sind, in der ganzen Republik gefunden, einfühlsam fotografiert und interviewt. Keine akademische, statistisch abgesicherte, psychologische Studie, sondern subjektive Berichte. Erzählungen darüber, was sich für die Menschen geändert hat, als sie nach Deutschland kamen und sich damit nicht nur das Umfeld, sondern auch der Name, das Persönlichste, das wir haben, geändert hat. In dem liebevoll gestalteten, sehens- und lesenswerten Band erfahren wir viel über die jungen Leute, deren Leben hier und in ihren Herkunftsländern und wie die Vorfahren nach Russland gekommen sind, was der Name und deren Koseformen ihnen bedeutete und ob der Namenswechsel einen Einfluss auf sie hatte. So wird aus der Frage nach dem Namen ein Gespräch über das Aufwachsen zwischen zwei Kulturen. Eines haben die Eltern mit dem Namenswechsel allerdings nicht erreicht: Akkulturation. Einer der Gesprächspartner berichtet: „Ich kenne keinen einzigen, so einen richtigen deutschen Eugen. Eugen ist für mich ganz klar: Russe.“
Eugen Litwinow, Mein Name ist Eugen. Berlin 2013. ISBN 978-3-00-043829-5
Zum Buch(Projekt) gibt es auch eine Website mit Bestellmöglichkeit

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